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FRIEDRICH DÜRRENMATT

DER BESUCH DER ALTEN DAME


"(...) Friedrich Dürrenmatt hat sich intensiv mit den Formen des Expressionismus auseinandergesetzt und die Regisseurin Sybille Fabian übersetzt die Figuren der so oft gespielten Groteske, einer tragischen Komödie, in die Sprache des Expressionismus. (...) Die Güllener sind pleite, „ausgezogen“ bis zum letzten Hemd. Sie halten die erbarmungslos „heruntergelassenen Hosen“ an langen Hosenträgern; bei manchen schlottern sie schon um die Knöchel. Die Stadt ist so unsagbar verschuldet – und dies nicht nur im finanziellen Sinne – dass ihr kein Spielraum mehr bleibt. (...) Im Bühnenbild (...) und im kalten Neonlicht hampeln sie wie aufgezogene Puppen, kaum noch menschlich, marionettenhaft, grotesk verzerrt. Sie bilden ein grausames Panoptikum der menschlichen Verderbnis, der verkrümmten Seele, des verdrängten Gewissens. Die Gleichnishaftigkeit des Konflikts zwischen Schuld, Gerechtigkeit, Rache und Menschlichkeit wird offenbar (...) Sybille Fabians Choreographietheater lässt diese in ganz neuer Weise entstehen. Die expressive Reduktion ist das starke Mittel der Inszenierung (...)."

Gisela Schmöckel, Bergische Blätter, Mai 2013


Sybille Fabian inszeniert für die Wuppertaler Bühnen Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“

Remscheid/Wuppertal. Güllen ist bankrott. 132 Millionen Euro schuldet die Stadt der Landesbank. Die droht den Hahn abzudrehen (...). Güllen soll gepfändet werden. Also muß Geld her. Das ist angesichts der jüngsten europäischen Staatspleite am Beispiel Zyperns (und auch Slowenien wackel, hört man jetzt) geradezu bedrückend tagesaktuell. Wie aber die Pleite abwenden? Da kommt den Güllener Endfünfzigern, die sich Ort und Einfluß teilen, ihre einstige Schulkameradin Klara Wäscher (An Kuohn) recht, die sich durch etliche Ehen mit wohlhabenden Geschäftsleuten zur Milliardärin hochgeerbt hat und nun Claire Zachanassian heißt. Sie hat ihren Besuch und Hilfe angekündigt – und ausgerechnet Alfred Ill (Harald Schwaiger) fällt die Aufgabe zu, Claire zu umgarnen.

Sehr bald jedoch macht Claire dem hoffnungsvollen Wahn ein Ende, indem sie den Preis dafür nennt: sie will den Tod Alfred Ills, der sie vor Jahrzehnten geschwängert, verlassen, durch Meineid zur Hure gemacht und den Tod des gemeinsamen Kindes verschuldet hat. Dafür bietet sie Güllen 1 Milliarde Euro. (...) Die anfänglich große Empörung der Güllener sowie die scheinbar konsequente Ablehnung des unmoralischen Angebots wandelt sich subkutan, eine bedenkliche Veränderung, die auch Alfred Ill nicht entgeht. Claire wird nicht nachgeben, zu groß ist ihr Haß, aus dem heraus sie ihre eigenwillige „Gerechtigkeit“ einfordert.

Friedrich Dürrenmatt hat den Konflikt zwischen Geld und Moral, Schuld und Vergebung, Heuchelei und Aufrichtigkeit als „tragische Komödie“ auf die Spitze getrieben, bei der das Gelächter gallebitter ist. Sybille Fabian inszeniert im Bühnenbild von Herbert Neubecker die „alte Dame“ als -zigmal geliftete, fast nur noch aus Ersatzteilen bestehende Verkörperung des „dea ex machina“- Gedankens Dürrenmatts, eine groteske Karikatur des Traums von käuflicher ewiger Schönheit. Ihren Alfred Ill läßt sie als einzigen Charakter eine Wandlung durchmachen, ein tragischer Anti-Held, der seine Schuld zuzugeben und die Sühne hinzunehmen imstande ist.
Sybille Fabian hat sich mit ihren bisherigen, teils auch kontrovers diskutierten Arbeiten für die Wuppertaler Bühnen (Kafka: „Der Prozess“, Wedekind: „Lulu“, Molnar: „Liliom“) mit eigener wuchtiger Bildsprache einen sehr guten Namen gemacht. Auch beim „Besuch der alten Dame“ ist eine starke Inszenierung zu erwarten.

Frank Becker, Musenblätter, 04.04.2013


"Der Besuch der alten Dame" (...) Die Moral bleibt auf der Strecke. Wenn Claire Zachanassia (An Kuohn) selbstbewusst die Notbremse zieht, um einen Zug zu stoppen, der aus Prinzip nicht mehr im maroden Güllen hält, ist das Drama nicht mehr aufzuhalten. Der rothaarige Racheengel hat seine Ankunft, die Rückkehr in die Heimat,perfekt inszeniert - und die Bürger, denen nicht viel mehrgeblieben ist als weiße Unterwäsche, können nichts anderes machen, als abzuwarten, was die alte Dame mit ihnen vorhat.

"Die Welt machte mich zu einer Hure. Nun mache ich sie zu einem Bordell"

(...) Romantik lässt Sybille Fabian gar nicht erst aufkommen: Ihre grotesken Figuren stehen nicht im Wald (...), sondern in einem gräulichen Tunnel, den zehn Neonröhren keinesfalls attraktiver machen.Im Gegenteil: Ein Haufen Dreck liegt ganz hinten - am Ende der großartigen Kulisse (Bühne: Herbert Neubecker), die wie ein billiges Grab in einer schäbigen Bahnhofsunterführung wirkt. Und in der Tat: Alfred Ill (Harald Schwaiger), der Claire einst für Geld verraten hat, wird im Dreck landen.Dass ihn seine Mitbürger opfern, ist abzusehen – weil Claire, inzwischen reich verwitwet, eine Milliarde lockermacht, wenn sein Kopf rollt.

(...) Fabian findet Bilder, die faszinieren,und formt erneut ein Ensemble, das beeindruckt. Die Güllener zittern, zucken, zappeln. Je verzweifelter, desto besser.Während Schwaiger der einstigenGeliebten anfangs wenig überzeugend entgegentritt ("Wie schön du bist!") und ihn Kuohn spielerisch an die Wand drückt, wird er umso stärker, wenn er wie ein Tier gejagt wird.

Martina Thöne, rga.Online